Der Festival 2018

1% der Weltbevölkerung besitzt mehr als die restlichen 99%: Diese Behauptung wird nun seit geraumer Zeit wiederholt. Mittlerweile ist uns aber auch bekannt, dass in Italien 4,7 Millionen Menschen in „absoluter Armut“ und weitere 4,5 Millionen in „relativer Armut“ leben. Auf der anderen Seite besitzen 5% der reichsten Italiener fast 40% des nationalen Reichtums. Die Arbeitslosenquote liegt bei 10,8% und erreicht bei Jugendlichen sogar 32,2%.

Worum geht es aber eigentlich, wenn wir im Zeitalter des reifen Kapitalismus und der digitalen Revolution über Arbeit sprechen? Wer sind die Arbeitnehmer in der heutigen Welt? Für diejenigen, die einen Job haben, scheint das Schlüsselwort „Flexibilität“ zu sein, was in Wirklichkeit oft so viel wie „Prekariat“ heißt. Was für Folgen haben solche Bedingungen für das Gleichgewicht und die Lebensqualität von Menschen im Allgemeinen und von Frauen im Besonderen?

Die Mittelschicht schrumpft immer stärker und in den letzten Jahren hat sich die sozioökonomische Kluft zwischen den Gesellschaftsklassen dramatisch und rapide vergrößert. Wo und wie ist es im dritten Jahrtausend zu dieser Ungleichheit gekommen? Wie reagiert die Politik auf all das, wenn die Unzufriedenheit der ausgegrenzten Bürger Wut, Unwille und Verlangen nach starken Mächten hervorruft?

Sicherlich eine schwierige Herausforderung für unsere Demokratie, die dazu aufgerufen ist, nicht nur der Armut entgegenzuwirken, sondern auch andere Ungleichheiten auszugleichen, die die Grundrechte des zivilen Zusammenlebens anzugreifen drohen und Unterschiede in Diskriminierung verwandeln: aufgrund von Geschlecht, Alter, Gesundheit, Kultur, Bildung, Kompetenzen, Macht, Religion, ethnische Zugehörigkeit …

Ausgehend von einer realistischen Analyse der alten und neuen Ungleichheiten – die frei von vorgefassten Ideologien ist – stellt sich das Festival vicino/lontano in diesem Jahr die Frage, ob es noch möglich sei von einer Chancengleichheit aus, die die Entwicklung aller gewährleistet, neuanzufangen und zukunftsorientiert zu denken.

Im Zentrum der üblichen geopolitischen Ordnung stehen fortschreitende Ungleichgewichte sowie zwischenstaatliche Konflikte in weiten Regionen der Welt und vor allem im Nahen Osten, wo der anhaltende syrische Konflikt u.a. neue Flüchtlingswellen in Richtung der europäischen Mittelmeeranrainerstaaten auslösen dürfte.

Neue Flüchtlinge werden ankommen. Sie werden darum bitten, gerettet zu werden und in Frieden leben zu dürfen. Sind wir bereit mit einer Aufnahmepolitik zu antworten, die verantwortlich, rational und gleichzeitig menschlich ist?

Wieder einmal hat die Jury den Nagel auf den Kopf getroffen und Domenico Quirico, der in seinem Buch Succede ad Aleppo auf die schmerzlichen, dramatischen Folgen dieses Konfliktes für die gesamte Zivilbevölkerung eingeht, mit dem Terzani Preis ausgezeichnet.

Schließlich hat das Festival vicino/lontano vor allem den Jugendlichen die Aufgabe erteilt, auf die Welt aus einer Zukunftsperspektive heraus zu schauen und sie dazu ersucht die Verantwortung für die Umwelt, deren Gesundheit und Gleichgewicht einen lebenswerten Planeten für zukünftige Generationen versichern sollen, zu übernehmen.

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