Terzani Preis 2016

ROMLa Fame, die Reportage des argentinischen Journalisten und Schriftstellers Martín Caparrós – erschienen bei Einaudi in Italien [ndt: die deutsche Ausgabe Der Hunger erschien im Verlag Suhrkamp] – gewinnt die Edition 2016 des Internationalen Literaturpreises Tiziano Terzani. Dies gab heute Morgen in Rom – am Mittwoch, dem 20. April – Angela Terzani, die Vorsitzende der Jury, mit der Präsidentin der Autonomen Region Friaul-Julisch Venetien Debora Serracchiani und den Vertretern des Kulturvereins vicino/lontano aus Udine bekannt, der im Jahr 2005, in Zusammenarbeit mit Familie Terzani, den Preis ins Leben gerufen hat.

Weltweit leidet fast eine Milliarde Menschen an Unterernährung. Jedes Jahr sterben neun Millionen Menschen an Hunger. „Nicht zurückgeschreckt ist der Autor – so Angela Terzani – angesichts der Zahlen, die den Anteil des Hungers auf der Welt verdeutlichen, die aber trotzdem nicht ausreichen, um an unserer Gleichgültigkeit zu rühren. So wie es Tiziano gemacht hätte, bereiste der Autor die ärmsten Länder der Welt und begab sich in das Inferno der vielen, zu vielen Randgebiete auf diesem Planeten. Er ging auf die einzelnen Menschen zu, befragte sie und hörte ihnen mit der pietas von jemandem zu, der sich persönlich zur Rechenschaft gezogen fühlt, aber auch mit der Klarheit säkularen Denkens, das niemandem Zugeständnisse macht und vor allem mit dem Mut und der Leidenschaft desjenigen, der die Mechanismen und die Interessen aufspüren, enthüllen und anklagen möchte, die hinter einem Skandal stehen, den man wie ein unausweichliches Phänomen vorüberziehen lassen möchte. Am Ende dieser intensiven Lektüre, die dank einer außergewöhnlich gewandten Schreibweise über ein so hartes, so unbequemes Thema keine Atempause lässt, kann niemand mehr die Augen verschließen und den Kopf in den Sand stecken. Und es bleibt der Wunsch mehr darüber zu erfahren. Es waren diese Anklage, diese Deutlichkeit, diese Erinnerung an unsere individuelle und kollektive Verantwortung – so Angela Terzani weiter – und vor allem die Utopie des Autors von einer möglichen anthropologischen Revolution, mit der das Paradigma der „notwendigen“ Ungleichheiten aufzubrechen wäre, die die Jury dazu bewogen haben, den Internationalen Literaturpreis Tiziano Terzani 2016  an Martín Caparrós für das Werk „Der Hunger“ zu verleihen».

Martín Caparrós wird am Samstag, dem 7. Mai im Teatro Nuovo Giovanni da Udine (um 20:45) im Rahmen einer Veranstaltung prämiert, die, wie gehabt, im Rahmen des Festivals vicino/lontano stattfindet, das in diesem Jahr zum 12. Mal in Udine vom 5. bis 8. Mai auf dem Programm steht. Im Laufe des Abends, der ganz im Zeichen des Preises steht, wird die Schriftstellerin und Journalistin Loredana Lipperini, die zu den beliebtesten Stimmen der Literatursendung Fahrenheit auf Rai3 gehört, den Gewinner des Terzani-Preises 2016 interviewen. Die Jury, die den Preisträger des renommierten Awards nominiert hat, setzt sich aus Giulio Anselmi, Enza Campino, Toni Capuozzo, Tommaso Cerno, Andrea Filippi, Álen Loreti, Milena Gabanelli, Ettore Mo, Carla Nicolini, Paolo Pecile, Valerio Pellizzari, Peter Popham und Marino Sinibaldi zusammen. Infos unter www.vicinolontano.it

«Seit mehr als einem Jahrzehnt – so der Kommentar der Präsidentin der Region Friaul-Julisch Venetien Debora Serracchiani – ermöglicht uns der Terzani-Preis uns mit entscheidenden Fragen der Gesellschaft und der Menschheit auseinanderzusetzen, wobei Udine und Friaul-Julisch Venetien zu einem bevorzugten Ort der Dialektik werden, wo sich die Intelligenz trifft, um ein neues Bewusstsein zu schaffen. Auch das diesjährige Thema – das Sicherheitsrisiko – ist von hoher Spannung geprägt: aus diesem Grund glaube ich, dass der Preis für die Reportage Der Hunger des Argentiniers Caparrós ein eindringlicher Appell an unsere Verantwortung ist. Seinen Ausführungen zu folgen ist gewiss ein Anstoß, ein Appell an das Gewissen jedes einzelnen von uns.

«Wir haben die Entscheidung der Jury deshalb besonders begrüßt – so die Organisatoren – weil Martín Caparrós durch seine Kritik an unserem Wohlstand als Privilegierte der Ersten Welt und an unserer Vergeudung von Ressourcen, unerträgliche Ungleichgewichte auf dem Planeten aufzeigt, die beweisen, dass „es den Reichtum eines Landes ohne die Armut und den Hunger eines anderen Landes nicht gibt“. Der Hunger wird so eine notwendige Brille, die uns Caparrós aufzusetzen zwingt, damit wir die Welt, in der wir leben, und die Kernthemen der Postmoderne genauer betrachten: die schwindelerregenden, wachsenden Ungleichheiten der globalisierten Welt, der Landraub, die Zerstörung und die Inbesitznahme von Ressourcen, die neuen Formen des Kolonialismus und die Ausbeutung durch Sklaverei, die alten und neuen Formen der Ausgrenzung, insbesondere der Frauen, die schuldhaften Unzulänglichkeiten der Regierungen sowie die Schwäche der internationalen Solidarität. Dies sind unter anderem die Themen, die die Szenarien der modernen Welt bilden, mit denen sich das Festival vicino/lontano von Beginn an im Namen von Tiziano Terzani auseinandersetzt.

Neben Jonathan Crary für 24/7 Il capitalismo all’assalto del sonno (Einaudi) [24/7 Schlaflos im Spätkapitalismus (Wagenbach)], Kamel Daoud für Il caso Meursault (Bompiani) [Der Fall Meursault (Kiepenheuer&Witsch)]; Alessandro Leogrande für La frontiera (Feltrinelli) und Lawrence Wright für La prigione della fede (Adelphi) [Im Gefängnis des Glaubens (DVA-Verlag)] war Martín Caparrós unter den fünf Finalisten des Terzani-Preises 2016.

Die Preise der vergangenen Jahre gingen an: François Bizot, 2005; Jonathan Randal, 2006; Anna Politkovskaja (in memoriam), 2007; Fabrizio Gatti, 2008; Ahmed Rashid, 2009; Umberto Ambrosoli, 2010; Leslie T. Chang, 2011; ‘Ala al-Aswani, 2012; George Soros 2013; Mohsin Hamid und Pierluigi Cappello (ex aequo) 2014; David Van Reybrouck, 2015.

Martín Caparrós, argentinischer Journalist und Schriftsteller, 1957 in Buenos Aires geboren, war während der Militärdiktatur (1976-1983) in der Untergrundpresse tätig, lebte zuerst im Exil in Paris, wo er an der Sorbonne Geschichte studierte. Später lebte er in Madrid, wo er Mitarbeiter der El País war, und in New York. Nach der Wiederherstellung der Demokratie kehrte er in seine Heimat zurück und arbeitete dort für Presse, Funk und Fernsehen, vor allem aber setzte er seine Reisen um den Globus fort, um seine Interviews zu führen. Er leitete Literatur- und Kochzeitschriften. Er übersetzte Voltaire, Shakespeare und Quevedo und wurde mit zahlreichen internationalen Preisen gekürt. Er ist Autor von rund 30 Büchern, darunter Romane und Essays. In Italien erschienen sind: Il ladro del sorriso (Ponte alle Grazie 2006); Non è un cambio di stagione. Un iperviaggio nell’apocalisse climatica (Edizioni Ambiente 2011); La fame (Einaudi 2015), Gewinner des Terzani-Preises 2016.

Übersetzung ARLeF
ARLeF