Terzani Preis 2017

Die vierte Wand, der Roman des Reporters und Schriftstellers Sorj Chalandon – in Italien von Keller verlegt (Übersetzung Silvia Turato) – hat die XIII. Edition 2017 des Internationalen Literaturpreises Tiziano Terzani gewonnen. Sorj Chalandon wird am Samstag, dem 13. Mai im Teatro Nuovo Giovanni da Udine (um 21:00 Uhr) im Zuge eines Festaktes als Höhepunkt des Festivals vicino/lontano prämiert, das 2005 – in Kooperation mit der Familie Terzani – diesen Preis ins Leben gerufen hat.

Die Jury, die diese renommierte Auszeichnung verliehen hat, setzt sich zusammen aus Giulio Anselmi, Enza Campino, Toni Capuozzo, Tommaso Cerno, Marco Del Corona, Andrea Filippi, Àlen Loreti, Milena Gabanelli, Ettore Mo, Carla Nicolini, Paolo Pecile, Valerio Pellizzari, Peter Popham und Marino Sinibaldi.

„Tief bewegt habe ich von der Auszeichnung erfahren“, erklärte Chalandon „und ich habe die Nachricht mit Stolz und in Demut aufgenommen, weil es sich um einen Preis handelt, der den Namen eines großen Mannes trägt. Meine Arbeit als Romancier beginnt dort, wo jene des Reporters aufhört. Im Libanon war mein Notizbuch immer ganz geöffnet – auf die rechte Seite schrieb ich die Fakten und zeichnete die Realität auf, so wie ich sie sah; auf der linken Seite notierte ich hingegen die innersten Gefühle und Empfindungen, angesichts dessen, was ich erlebt hatte. Dieses Buch enthält alle linken Seiten meiner libanesischen Notizbücher. Das ist für einen kleinen Franzosen, für einen kleinen Journalisten, für einen kleinen Schriftsteller die Gelegenheit, hier bei Ihnen in einer anderen Sprache zu sein und in universeller Art von der Schwierigkeit zu erzählen, dem Krieg ins Auge zu schauen; die Angst, dem Frieden zu begegnen.“
Die vierte Wand ist ein Roman, der die Unterscheidung literarischer Gattungen aufhebt, der Analytiker und Historiker in den Schatten stellt, der sie resümiert und überwindet – heißt es in der Begründung für die Verleihung des Premio Terzani 2017. Es ist ein Roman, der „mit einem Schmetterling im Kopf geschrieben wurde und mit einem Herzen zu viel“, wie es einer der Protagonisten sagt. Gerade diese ergreifende Erzählung, die Kommandanten und Waffensiegel außer Acht lässt, geht über die Grenzen des Libanons und des Kalenders hinaus. Chalandon hat die Gewalt in Beirut, in Afghanistan, in Irland erfahren und mit der Zeit änderte sich seine DNA. Es brauchte über dreißig Jahre um die Massaker, bei denen er Zeuge war, zu verarbeiten, während die Zedern verschwanden und die Trümmerhaufen wuchsen. In der Feinarbeit tauchen die Qualen des gesamten Mittleren Ostens nach der Kolonialzeit der Protektorate auf, der von Fremden mit dem Lineal gezeichneten Grenzen, bis zu den Reportagen dieser Tage aus Aleppo und aus Mosul. Die Trümmer Palmiras haben sogar das Orchester von Sankt Petersburg beherbergt. Das Theater des Krieges schließt nie. Die vierte Wand ist wie ein großes Fresko – ganz ohne Zeit und ohne Rahmen.“
Sorj Chalandon (Tunis, 1952) arbeitete von 1974 bis 2007 als Korrespondent und Reporter der französischen Tageszeitung Libération, für die er einige der blutigsten Konflikte der letzten Jahrzehnte dokumentierte: Er war im Irak, im Iran, in Somalia und Afghanistan, und 1982 in Beirut, wo er unter den Zeugen des Blutbads in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Chatila war: „Dort habe ich – bekannte er – alles in mir bewahrt, was ein Mensch aufgibt, wenn er im Blut anderer menschlicher Wesen watet. Ein Journalist muss in der Lage sein den Krieg zu erzählen, ohne sich den Tränen zu überlassen, und ich habe nicht geweint. (…) So habe ich mich entschlossen, meine Tränen, meine Entrüstung, meine Zweifel Georges anzuvertrauen, indem ich es ihm ermöglichte, sich dorthin zu begeben, wohin ich mich nicht bewegt habe, über das hinaus, was der Krieg den Menschen entreißt.“ Zu seinen Romanen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden: Mon traître, Éditions Grasset & Fasquelle, 2008 (Il mio traditore, Mondadori 2009) und Rückkehr nach Killybegs (Retour à Killybegs, Éditions Grasset & Fasquelle, 2011; Chiederò perdono ai sogni, Keller 2014).

Traduzion par cure de ARLeF
ARLeF