Dreizehnte Edition

Das System der Werte und die Ordnung der Welt, die wir für gewöhnlich mit dem Begriff des „Westens“ verbinden, bestimmten die moderne, zeitgenössische Geschichte: Ein Entwurf der Zivilisation, begründet auf der Demokratie gleicher und freier Bürger. Wir dachten, dass dieses Modell eine dauerhafte und universelle Errungenschaft wäre.

Eine Art kollektiver Euphorie hinderte uns daran, tiefgreifende und unkontrollierte Veränderungen in der globalisierten Welt wahrzunehmen, die für die meisten unverständlich, letztlich unsicher und feindselig geworden ist. Plötzlich stellen wir fest, dass die mit unvorhersehbaren Folgen in unser Leben vordringende Globalisierung auch das allgemeine System in eine Krise stürzte. Und nun zeigen sich die faktische Gleichheit und die konkreten Freiheiten überall relativiert, von zerstörerischen inneren Kräften und Bedrohungen von Außen auf den Prüfstand gestellt.

Wo sollen wir nun weitermachen?

Unter Beibehaltung ihrer grundlegenden Linie und ihres ursprünglichen Zieles – die starke Verbindung mit Problemen und Themen unserer Zeit – hat vicino/lontano die Utopie als Leitmotiv für die Edition 2017 gewählt und möchte dieses Jahr die Vorstellungskraft aller mit einer entscheidenden Frage wecken. Sind wir fähig, die Zukunft anders zu denken als die Gegenwart?

Wenn der Realismus nicht notwendigerweise mit der Resignation übereinstimmt – oder mit dem Pessimismus – ist wahrscheinlich noch eine Zukunft möglich, die die Geschichte wieder neu aufnimmt und uns von unseren lähmenden Ängsten befreit, um uns in verantwortungsbewusste Menschen zu verwandeln, die darauf bedacht sind, eine globale Gesellschaft der Verschiedenheit und der Integration zu schaffen.

Auch Sorj Chalandon, Gewinner des Terzani Preises 2017 (Premio Terzani 2017), liefert uns mit Die vierte Wand, auf Seiten mächtigen und ergreifenden literarischen Eindrucks, eine starke und verzweifelte Botschaft, die in ihrer erschütternden Aktualität wie eine Warnung vor unserer Passivität und Gleichgültigkeit angesichts der Kriegsgräuel und des brudermörderischen Fanatismus erscheint, dem wir alltäglich, geschützt durch unsere „vierte Wand“ des Fernsehens, beiwohnen.

Übersetzung ARLeF
ARLeF